Der VfL Wolfsburg: Die ungeliebte Nummer Zwei

Zuerst: Es ist manchmal eine arg widersprüchliche Wahrnehmung, daß gerade diejenigen, die stets mehr Spannung in der Bundesliga fordern (idealerweise indem Bayern absichtlich verliert) ein Modell wie den VfL Wolfsburg ablehnen.

Das Handelsblatt, dem man eigentlich deutlich mehr Substanz zutrauen sollte als so manchem Fußballschreiber, hat sich der „ungeliebten Nummer Zwei“ nun mit einem längeren Artikel zugewandt: Gerade jetzt, wo doch mit Borussia Dortmund und dem VfL Wolfsburg der „alte und neue“ Bayernjäger am 30. Mai gegeneinander im Pokalfinale stehen.

Normalerweise macht Erfolg beliebt, so auch im Fußball. Nach dem FC Bayern ist der VfL Wolfsburg in dieser Saison wohl das stärkste Team der Bundesliga, die Herzen der Republik fliegen den Wölfen jedoch auch weiterhin nicht zu. Und das, obwohl auch das Spiel des VfL dank Stars wie Andre Schürrle und Kevin De Bruyne immer attraktiver wird. Geliebt fühlt sich der Klub jedoch noch immer nicht. Und reagiert darauf gereizt.

Das ist zunächst eine Behauptung. Keiner hat den VfL Wolfsburg lieb und die gute Saison sorgt nicht für höhere Resonanz. Woran kann man das festmachen? Am besten doch über die Verkäufe von Trikots und anderen Fanartikeln. Und siehe da: Das Geschäft boomt! Die Wachstumsrate ist ein Traum: Von Juli bis November 2014 hat der VfL Wolfsburg bereits mehr Trikots verkauft als in der gesamten Spielzeit 2013/14. Die Behauptung, die Wolfsburger Erfolge hätten keine Auswirkungen auf die Beliebtheit, übersteht eine sachliche Prüfung nicht.

Aber es geht weiter:

Nach dem Sieg des BVB in München jubelte die Presse deutschlandweit. Vor allem, weil Jürgen Klopps Traum von einer letzten LKW-Runde um den Borsigplatz weiterlebt. So etwas erzeugt Bilder im Kopf, Emotionen, die man nicht kaufen kann. Ein schwarz-gelbes Fahnenmehr, ein strahlender Klopp, der als Triumphator nach einer jetzt schon legendären Ära abtritt.

Also betritt Herr Klopp den Borsigplatz nur dann, wenn die Polizei das Gelände weitläufig absperrt. Das ist verständlich, denn der Borsigplatz ist ein Kreisverkehr im Norden der Dortmunder Innenstadt. Diese Gegend hätte man früher sozialen Brennpunkt genannt, heute heißt es auf Sozialarbeiterdeutsch „Stadtbezirk mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf“.

Aber wer interessiert sich für solche Nebensächlichkeiten, wenn es darum geht, die echte Liebe aus dem Ruhrgebiet (dessen offizieller PR-Slogan lautet übrigens „Woanders ist auch Scheiße“) ob ihrer moralischen Überlegenheit zu preisen. Daß die Borussia Dortmund GmbH&Co.KGaA ein börsennotiertes Unternehmen ist, wen juckts? Die Sache mit dem verarmten Arbeiterverein, liebe Handesblatt-Redaktion, ist ein Image, ausgedacht von PR-Fachleuten.

Der Final-Einzug der Wolfsburger einen Tag später wurde dagegen eher abgenickt, einen ähnlich emotionalen Triumphzug konnte sich in Wolfsburg keiner so recht vorstellen. Auch nicht Jürgen Klopp: „Das Olympiastadion wird schwarz-gelb sein. Es sei denn, VW gibt an diesem Tag dem ganzen Werk frei“. Dieser Spruch machte Wolfsburg-Boss Thomas Allofs etwas grantig: „Sie sollen ja ruhig um den Borsigplatz fahren, halt nur ohne Pokal“.

Der Mann heißt Klaus Allofs, nicht Thomas. Wenn solche fundamentalen Fehler drinstehen, dann hat der Autor schlecht gearbeitet. Sowas kann einer Schülerzeitung passieren, beim Handelsblatt ist es einfach nur peinlich. Die Annahme, daß so ein Artikel vielleicht sogar lanciert wurde (was gängige Praxis der Politik- und Kommunikationsabteilungen vieler Unternehmen ist), liegt nahe.

Natürlich wollen die Dortmunder den DFB-Pokal gewinnen, ihre Saison in der Liga war ja ansonsten katastrophal. Herr Klopp wird allerdings für dreiste Unverschämtheiten noch immer gefeiert. Daß der VfL Wolfsburg Anhänger hat, die einer regulären Arbeit nachgehen und nicht schon morgens mit der Flasche Dortmunder Kronen am Hauptbahnhof rumhängen, kann man dem Verein jedenfalls nicht zum Vorwurf machen.

Auf diesem Niveau jedenfalls geht der Artikel noch eine ganze Weile weiter: Da ist von Minderwertigkeitskomplexen die Rede, der VfL Wolfsburg wird „hochgezüchteter Plastikclub“ genannt und habe zudem eine „negative Transferbilanz“, wie man im Fußball immer dann sagt, wenn die Investitionssumme die Devestitionserlöse überschreitet. Ein Transferdefizit ist nichts anderes als positive Nettoinvestitionen. Betriebswirtschaftliche Überlegungen finden ja leider viel zu selten in der Fußballbranche statt.

Bleiben wir mal etwas grundsätzlicher: Daß Vereine Geldgeber haben, ist nichts neues. Die Borussia Dortmund GmbH&Co.KGaA hat erst jüngst viel Geld über eine Kapitalerhöhung eingenommen, die der Hauptsponsor Evonik gezeichnet hat. Evonik gehört übrigens mehrheitlich der Ruhrkohle-Stiftung.

Aber auch früher war das nicht anders: Der 1. FC Nürnberg hat lange von Teppich-Roth gelebt, der 1. FC Kaiserslautern war immer schon Nutznießer von diversen Beihilferechtsverstößen in Rheinland-Pfalz (der Nürburgring steht in einer langen Tradition von Mißwirtschaft in Südwestdeutschland) oder der VfL Bochum war exakt solange „unabsteigbar“ wie der langjährige Präsident Ottokar Wüst immer wieder die Schatulle geöffnet hat.

Nein, hier geht es um was anderes: Fußball ist eine Unterhaltungsindustrie und war das auch immer. Daß gerade der deutsche Michel dazu neigt, den gesellschaftlichen Status Quo für das Ende der Geschichte zu halten und jede Veränderung für eine Verschlechterung hält, erkennt man auch beim Fußball. Und wie in jeder Branche verschwinden Akteure und neue kommen hinzu. So wie es ja auch keinen Netscape-Navigator mehr gibt, gibt es kein Rot-Weiß Essen mehr im Berusfußball. Das Leben ist Veränderung – allem Kulturpessismismus zum Trotz!

6 comments

  • Vielen dank, für diesen Artikel. Sollten wir uns wirklich als Nummer 2 etablieren, wird es für die Medien sicher langweilig, da Bayern und Wolfsburg Fans von der Mentalität oft ähnlich sind , und es so nicht diese sinnlosen Schlamm schlachten wie mit (Sch-)watzke geben wird.

  • Wow, es gibt doch noch Journalisten, die mal fakten sprechen lassen und nicht nur irgendwelches Stammtischgeschätz in einem Artikel im handelsblatt verarbeiten. Ich kann nur sagen, Daumen hoch für soviel Fachwissen.

  • Lars Vollmering

    Ausgerechnet Schützenhilfe von den Bayern. Aber endlich mal etwas Sachlichkeit und differenzierte Betrachtungsweise. Für das renommierte Handelsblatt ist der genannte Artikel ein Armutszeugnis. Aber wenn man sich das Facebook-Profil des Autors anschaut, fallen sofort die präferierten Vereinswappen von Fortuna Düsseldorf und Borussia Dortmund ins Auge. Das sagt schon alles über Ausgewogenheit und Neutralität.

  • Rainer Titan

    Bitte auch dran denken, dass audi anteilseigner des primus ist. Somit steckt ein teil wolfsburg im fcb… so wie in der halben liga und zweiten (bremen, schalke, hannover, bochum, ingolstadt und braunschweig sind nur beispiele). Viele wissen das nicht, palbern trotzdem…

  • Joerg Poser

    Ich bin Dauerkarten Inhaber und gehe auch wenn es eine desolate Leistung verlangt kritisch mit dem Verein um. Mir gefällt des Vermarktungskonzept des Hauptsponsor VW sehr gut.
    Der „Mutter-Konzern“ erwirtschaftet riesige Gewinne. Davon fließt ein Teil in die Tochtergesellschaft VfL Wolfsburg.
    Gesellschaftliches Arrangement nennt man dieses. Dieses Arrangement trägt zur Belebung der Region und stellt eine sinnvolle Freizeitbeschäftigungen dar. Der Nachwuchs wird gefördert und die Vermarktung der Marke VW angekurbelt.
    Was kann daran falsch sein…???
    Sicher hat nicht jeder Bundesligist diesen finanziellen Background. Aber vergleicht man z.B. den FC Bayern München mal mit dem FC Freiburg so sieht man den gigantischen Unterschied. Somit ist die Einbringung des VW Konzern eine Bereicherung der Liga. Dieses Arrangement geht über den Club hinaus und zeigt sich auch als Hauptsponsor beim Doppelpass und DFB-Pokal.

  • Ich bin Dauerkarten Inhaber und gehe auch wenn es eine desolate Leistung verlangt kritisch mit dem Verein um. Mir gefällt des Vermarktungskonzept des Hauptsponsor VW sehr gut.
    Der „Mutter-Konzern“ erwirtschaftet riesige Gewinne. Davon fließt ein Teil in die Tochtergesellschaft VfL Wolfsburg.
    Gesellschaftliches Arrangement nennt man dieses. Dieses Arrangement trägt zur Belebung der Region und stellt eine sinnvolle Freizeitbeschäftigungen dar. Der Nachwuchs wird gefördert und die Vermarktung der Marke VW angekurbelt.
    Was kann daran falsch sein…???
    Sicher hat nicht jeder Bundesligist diesen finanziellen Background. Aber vergleicht man z.B. den FC Bayern München mal mit dem FC Freiburg so sieht man den gigantischen Unterschied. Somit ist die Einbringung des VW Konzern eine Bereicherung der Liga. Dieses Arrangement geht über den Club hinaus und zeigt sich auch als Hauptsponsor beim Doppelpass und DFB-Pokal. Warum der VW Club weniger beliebt ist, muss jeder für sich selbst entscheiden, aber Fakt ist, die Medien ob Handelsblatt oder andere sollten sich neutral verhalten und persönliche Meinung am Stammtisch lassen.