Machtmensch Pep?

Bereits am Morgen nach Müller-Wohlfahrts Abgang erschien bei der Sportbild ein Kommentar, in dem Herr Altschäfl sich sicher ist, daß Pep Guardiolas Machtstreben dem FC Bayern insgesamt schadet. Darüber kann man ja durchaus reden. Wie er darauf jedoch kommt, bleibt indes leider offen.

Schon im Vorwort des Sportbild-Kommentars heißt es:

Thiagos Transfer setzte er rigoros durch. Was ihm nicht passt, wird an der Säbener Straße passend gemacht.

Unabhängig von Thiagos Verletzungsproblemen dürfte die Qualität dieses jungen Spielers unbestritten sein. Im Grunde wäre das ja schon ein entscheidender Aufhänger, um sich mit einer gewissen Ernsthaftigkeit dem Thema zu nähern: Denn daß Thiago solange aussetzen mußte, lag (wie man öffentlich hört) an erheblichen Fehlbehandlungen durch spanische Ärzte, nachdem Müller-Wohlfahrt es abgelehnt hat, ihm vor der Weltmeisterschaft letztes Jahr Kortison zu spritzen.

Ja, es gab über die letzten zwanzig Monate immer wieder teilweise erhebliche Auseinandersetzungen zwischen Trainer und Vereinsarzt – aber wo bleibt die journalistische Aufarbeitung dessen? Der Trainer hat zuviel Macht? Daß ein Trainer sich seinen Kader zusammenstellen kann, ist nichts ungewöhnliches. Und um beim Beispiel Thiago zu bleiben, es sei noch einmal daran erinnert, daß er deutlich unter Marktwert gekommen ist, weil er beim FC Barcelona nicht ausreichend gespielt und sich Ausstiegsklausel dadurch massiv reduziert hat. Nein, statt solcher Überlegungen bleibt es bei markigen Worten. Was ein Wunschtransfer des Trainers mit dem Abgang des Arztes zwanzig Monate später zu tun hat? Irgendwie ist Guardioala halt der böse Machtmensch.

In Porto eskalierten sie: da Guardiola in Karl-Heinz Rummenigge einen bedingungslosen Unterstützer an seiner Seite hat, gab Müller-Wohlfahrt entnervt auf. Dass er die Niederlage in Portugal zu verantworten habe, konnte sich die Arzt-Ikone nicht bieten lassen. Er spricht Bände, dass mit ihm alle anderen Ärzte zurücktraten. Und dass Müller-Wohlfahrt den Verein nicht persönlich informierte, lässt tief blicken.

Hier gibt es jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder Herr Altschäfl weiß mehr als er schreibt, oder aber (und das ist leider wahrscheinlicher) er schreibt mehr, als er weiß. Was war denn zwischen Rummenigge und Müller-Wohlfahrts nachts in den portugiesischen Katakomben? Weiß er es auch nicht? Mal gehört und es könnte vielleicht sein sind pure Spekulationen.

Keine Spekulation ist indes, daß Müller-Wohlfahrt von jetzt auf gleich abends um 22 Uhr seinen Rücktritt bekanntgibt. Mitten in der Saison. Wo bleibt da die Professionalität? Niemand weiß, was vorgefallen ist, so daß es es einen guten Grund gegeben haben mag. Oder auch nicht. Aber genau da setzten gefährliche Effekte ein, wenn man mangelnde Informationen durch Meinung ersetzt. Das ist hier der Fall.

Guardiola hat die alleinige Entscheidungsbefugnis, er steht unter Rummenigges Schutz. Scheitert er an Porto und möglicherweise im Pokal-Halbfinale gegen Dortmund, könnte sich noch mehr interner Widerstand regen.

Auch hier: Nichts genaues weiß man nicht. Hier wird suggeriert, daß der Vorstand sich dem Trainer komplett ausliefert. Das mag sein und das wäre auch zu kritisieren – aber es bleibt bei ein paar leeren Andeutungen. Natürlich ist es legitim, daß man am berühmten Morgen nach der Nacht zuvor der erste sein will, der was veröffentlicht – aber das geht dann, wie hier, leider auf Kosten der Qualität.