Lieber FC Bayern, es ist aus mit uns

Wolfram Eilenberger veröffentlichte diese Woche in der ZEIT ein pathetisches Mimimi über den vermeintlichen Verlust der bayerischen Seele beim FC Bayern. Um es kurz zu machen: Das intellektuelle Niveau dieses Artikels entspricht in etwa dem eines DGB-Stammtisches.

So soll es auch reichen, einige prägnanten Sätze herauszufiltern und zu kommentieren.

Ich bin länger als dreißig Jahre Fan des FC Bayern. Doch fällt es mir gerade in den letzten Monaten immer schwerer, die emotionale Verbindung zu meinem Verein aufrechtzuerhalten. Was es fast noch schlimmer macht: Ich weiß mich in dieser Krise nicht allein. Sie durchdringt derzeit weite und eingeschworene Kreise des Bayern-Kosmos.

Nun mag Herr Eilenberger ja in seinem Philosophie-Club ie Erfahrung machen, daß die alle Bayern doof finden. Tatsache ist aber, daß sehr wahrscheinlich im November bekannt gegeben wird, daß die 300.000-Mitglieder-Marke geknackt wurde, daß der Verkauf von Fanartikeln neue Rekordwerte erreicht hat (der gesamte Weltmeister-Bonus-Effekt wurde erst im Geschäftsjahr 2014/15 wirksam) und von rückläufigen Zuschauerzahlen kann weder im Inland noch im Ausland die Rede sein. Wie er also von sich auf andere schließt, bleibt verborgen.

Die Bundesliga-Spiele meines Vereins sind ihrer vollendeten Absehbarkeit einfach nicht mehr interessant anzuschauen. Weder ob noch wie man gewinnen wird, ist zweifelhaft. Wie ein Ehepaar, das einander gut genug kennt, um jeden Samstag verlässlich zum Höhepunkt zu kommen, schaukelt man sich guardiolesk von Sieg zu Sieg. Manchmal dauert es etwas länger, manchmal muss man sogar ein bisschen nachhelfen. Aber am Ende klappt es. Guter Sex fühlt sich anders an.

Über das Sexualleben von Herrn Eilenberger und seiner Ehefrau, einer finnischen Feministin, kann man nur spekulieren. Seinem eigenen Verein jedoch den großen Erfolg vorzuwerfen ist, salopp gesagt, ziemlich dämlich. Nicht nur, daß Fußball ein Ergebnissport ist, sondern selbstverständlich hat jeder Spieler das Ziel, Erfolg zu haben.

Vielleicht könnte er ja nochmal was zur Dortmunder Rückrunde 2011/12 schreiben, als der BVB in 17 Spielen 49 Punkte geholt hat. War das damals supergeil oder superlangweilig? Wenn er das beim Koitus mit seiner Frau diskutieren kann, sollte er vielleicht lieber über etwas Pep im Ehebett nachdenken.

Aber es geht weiter mit Sexualmetaphern, Sigmund Freud hätte das wohl deutlich intensiver analysieren können, aber wer will das schon?

Weitaus bedrückender als der Akt selbst ist die eigentlich ja fantasiebeflügelnde Phase des Vor- und Nachspiels geworden, ist sie doch mittlerweile mit dem Gesicht von Matthias Sammer verbunden. Abgesehen davon, dass kein Mensch (ich habe berufene Kenner eindringlich befragt) konkret anzugeben vermag, womit Sammer beim FC Bayern den lieben langen Tag seine Zeit verbringt, außer Interviews zu geben, die Pep nicht geben kann oder will – er ist einfach keiner von uns. Jeder weiß das, jeder spürt das. Sammer zerstört emotionale Nähe, die einen Fan zum Fan macht.

Mit wem er gesprochen hat, wissen wir nicht. Vielleicht ja mit Doppelpaß-Dauergast Hans Leyendecker, über dessen Tätigkeit bei der Sueddeutschen Zeitung ja genauso spekuliert werden kann wie über die Frage, ob Universitätsangestellte an philosophischen Fakultäten nicht aus volkswirtschaftlicher Sicht doch alle bloß Arbeitslose mit Schreibtisch sind. Aber was Sammer macht ist das gleiche wie alle Manager oder Sportdirektoren in der Liga. Ja, sogar das gleiche wie Michael Zorc in Dortmund, nur eben besser.

Mit dem Namen Sammer ist noch ein weiteres zentrales Problem des Vereins verbunden: der Umgang mit der Jugend. Als eines der wesentlichen Argumente für die Verpflichtung Sammers galt seine Kenntnis des bundesweiten Talentpools. Nichts davon ist im aktuellen Spiel zu spüren. Vielmehr wurden in diesem Spätsommer sämtliche Selbstgezogene aus dem Kader gestrichen oder an andere Vereine abgegeben. Von dem Ideal eines organischen Wachstums aus den eigenen Reihen heraus, das perspektivisch auch identitätsfestigende Wirkung hätte, zeigt sich der Verein im Herbst 2015 weiter entfernt denn je.

Und damit hat er sogar recht. Schade nur, daß ihm die eigentlich relevanten Dinge entweder nicht bekannt sind oder er sie aber bewußt und vorsätzlich verschweigt: In Bayern wird gerade mit viel Aufwand der Bau eines neuen Jugendleistungszentrums vorangetrieben, um in Zukunft, wie zuletzt David Alaba, Holger Badstuber oder Thomas Müller, auch in Zukunft wieder Spieler aus der eigenen Jugend zu holen. Daß Matthias Sammer hier als Vorstandsmitglied maßgeblich für verantwortlich ist, stört vermutlich beim Lamento nur.

Nun geht das noch eine ganze Weile so weiter. Interessant ist noch eine Erkenntnis: Unser Scheich ist Audi. Das ist zwar viel zu kurz gegriffen, aber nicht grundsätzlich falsch. Ja, in Zeiten, in denen sich Financial Fair erkennbar als Scherz entpuppt, muß ein FC Bayern da natürlich mit eigenen Geldgebern mithalten.

Neben dem Hauptsponsor Deutsche Telekom AG kommen da die drei Teilhaber Adidas AG, Audi AG und Allianz SE ins Spiel. Selbstverständlich muß der FC Bayern sich an die Marktgegebenheiten anpassen, wenn auch nicht mit Scheichgeld. Das jedoch ist das, was den Verein wirklich ausmacht: Der FC Bayern nutzt auf optimale und ideale Weise die Wirtschaftskraft am Standort München/Oberbayern für seine Zwecke aus. Da braucht man keine russischen Oligarchen oder arabischen Ölmultis. Der Anspruch, in München Weltspitze zu sein, gilt auch für den Fußball!

Aber wer weiß: Vielleicht sind solche Überlegungen nichts, was zwischen DGB-Stammtisch, Philosophenverein und Eheleben mit einer finnischen Feministin vorkommt.