Was bleibt vom Transferwahnsinn?

Insgesamt 600 Millionen Euro sind im Sommer 2015 netto aus der Premier League in die kontinentaleuropäischen Ligen abgeflossen. Das ist eine beeindruckende Summe und da das Geld größtenteils bereits im Vorgriff auf den neuen englischen Fernsehvertrag investiert wurde, zeigt sich, daß auch die deutsche Bundesliga von den enormen Summen wird profitieren können.

Wenn der FC Augsburg für einen mittelmäßigen Linksverteidiger wie Abdul Rahman Baba zwanzig Millionen Euro generiert, die TSG Hoffenheim für einen Spieler wie Roberto Firmino 41 Millionen Euro und der VfL Wolfsburg für Kevin de Bruyne gar um die achtzig Millionen, dann geht es nicht mehr primär um die Frage, ob die Bundesliga abgehängt wird, sondern welchen Nutzen die Bundesliga nach der Trickle-Down-Logik von exorbitanten Ablösesummen für normale Spieler ziehen kann.

Dabei zeigt ein etwas näherer Blick auf die Premier League, daß der Geldsegen sämtliche vorhandene Negativeffekte weiter verstärkt: Da wird ohne Sinn und Verstand Geld ausgegeben für Spieler, die nicht ansatzweise diese Marktwerte haben, die Jugendarbeit ist nach wie vor irgendwo zwischen katastrophal und nicht vorhanden und abgesehen von den Topfavoriten auf den Titel ist taktisches Verständnis in der Breite der Liga so gut wie nicht vorhanden.

Ja, die Premier League inszeniert sich besser. Nicht nur, daß man schon vor Jahrzehnten mit der Auslands- und Interkontinentalvermarktung angefangen hat, auch die Abschmischung der Fernsehproduktionen wirkt professioneller: Man hört die Fangesänge besser, gleichzeitig merkt man mit guten Lautsprechern, wie die Spieler vor den Ball treten und vieles mehr.

Das sind Kleinigkeiten, bei denen die DFL ebenso nachbessern muß wie beim großen ganzen: Gerade außerhalb Europas wird die Bundesliga größtenteils als „Bayern League“ wahrgenommen. Die Vermarktung des FC Bayern lief so erfolgreich an, daß sie sich verselbständigt hat und somit unabhängig von der der Bundesliga läuft. Gut so, kann man da aus bayerischer Sicht nur sagen, gerade wenn man bedenkt, daß die Völlers, Bruchhagens und Eberls dieser Welt auch heute noch längst überholte Bedenken vorbringen.

Für den nächsten deutschen Fernsehvertrag ist es dennoch wichtig, den Abstand nach England nicht zu groß werden zu lassen, auch damit die Breite der Liga den einen oder anderen Spieler vielleicht doch mal ein Jahr länger halten kann. Dazu braucht man einerseits mehr Abonnenten bei Sky, andererseits aber auch eine geänderte Einstellung zum Pay-TV.

Gerade letzteres kommt mit der jungen Generation: Berufseinsteiger, deren Eltern im Traum nicht an Pay-TV gedacht hätten, schaffen es sich selbst an. Auch On-Demand-Angebote laufen erfolgreicher als noch vor ein paar Jahren gedacht: Netflix, Amazon Instant Video, Maxdome und seit neuestem auch Sky-Go zeigen, daß hier erhebliches Potential liegt. Und die Konkurrenzsituation, die es hier gibt, muß auch im Kampf um die Übertragungsrechte hergestellt werden.

Sicher wird das für 2017 erst einmal noch nicht klappen, aber einige Jahre später kann die Welt schon ganz anders aussehen. Zumal neben News Corp., dem Mutterkonzern von Sky Deutschland, durchaus auch andere globale Medienkonzerne Interesse am deutschen Markt zeigen, übrigens warum nicht auch Akteure wie Amazon oder wieder die Deutsche Telekom?

Doch im Moment ist das Zukunftsmusik. Aktuell hat der VfL Wolfsburg davon profitiert, daß Manchester City rund achtzig Millionen Euro für Kevin de Bruyne gezahlt hat. Der vor anderthalb Jahren für ein Viertel von der Ersatzbank bei Chelsea London geholt worden ist. Von den sechzig Millionen Euro Überschuss hat man Julian Draxler geholt, der Rest bleibt in der Kasse und das Thema Financial Fairplay ist für die Niedersachsen bis auf weiteres vom Tisch.

Übrigens, hier stellt sich auch die Frage, welche Rolle Bayern dabei spielt: Ja, es kann je nach Spieler durchaus richtig sein, zwischen sechzig und achtzig Millionen Euro zu investieren, wenn die Umsätze weiter steigen auch mehr. Allerdings müßten das dann Spieler sein, die nicht nur auf dem Platz eine tragende Rolle spielen, sondern die auch für die globale Beliebtheit sorgen.

Das ist 2015 nicht passiert und ein Kevin de Bruyne, dessen größte Leistung als Nicht-Ersatzspieler bislang ein Uefa-Pokal-Viertelfinale war, wäre dieses Geld nicht wert gewesen. Douglas Costa ist hingegen ein Goldeinkauf. Übrigens, interessant: Obwohl der abgeht wie eine Rakete, hatte den offensichtlich in ganz England niemand auf dem Zettel, so daß Vertreter des FC Bayern ganz in Ruhe in die Ukraine fahren und diesen Spieler holen konnte.

Ist Kevin de Bruyne, weil er zweieinhalb- bis dreimal so teuer war wie Douglas Costa auch entsprechend besser? Nein, im Leben nicht. Die bayerische Sichtungsabteilung ist aber deutlich besser informiert als die gesamte englische Liga. Das ist genau die Effizienz, die es in der Premier League nicht gibt. Im Gegenteil: Deren Ineffizienz wird sich künftig verstärken. Schade, daß dieses Thema in keiner Berichterstattung vorkam.

Und dann ist doch noch der obskure Vergleich, daß die Premier League die „NBA des Fußballs“ würde. Wenn es gemessen an finanzieller und sportlicher Lukratvität im Vereinsfußball so etwas gibt, dann ist das keine nationale Liga. Wenn es eine absolut unbestrittene Königsklasse gibt, dann ist es die UEFA Champions League. Die zu gewinnen ist das höchste und größte, was auf Vereinseben möglich ist.