Sven Ulreich und die versaute Karriere

Er hat es wieder getan. Lars Wallrodt, in der Springerzeitung Welt für die Verbreitung von unsachlicher Schmähkritik am FC Bayern zuständig, hat sich mit dem neuen Ersatztorwart befaßt. Dabei spricht es grundsätzlich erstmal für den Glamourfaktor an der Isar, daß selbst ein neuer Ersatztorwart für Aufregung sorgt.

Herr Wallrodt kann es sich einfach nicht erklären.

Doch was plant er? Warum wechselt ein 26-Jähriger im besten Torhüteralter vom VfB Stuttgart, wo er einen Stammplatz sicher hatte, zum FC Bayern, wo er einen Platz auf der Bank sicher haben wird?

Tja, warum tut er das? Nur wegen des Geldes? Denn daß er sportlich nicht an Welttorhüter Manuel Neuer vorbeikommt, dürfte außer Frage stehen.

Ulreich tauscht also einen Bundesliga-Stammplatz gegen die Nummer zwei beim Rekordmeister ein. Das mag ökonomisch sicher Sinn machen. Die Münchner werden ihrem Reserveschlussmann vermutlich mehr zahlen können als die Stuttgarter ihrer Nummer eins. Aus sportlicher Sicht allerdings ist der Wechsel fragwürdig.

Da wird gar von einer kaputten Karriere gesprochen. Leider gelingt es Herrn Wallrodt nicht, auch nur einen Spieler in den letzten dreißig Jahren zu nennen, für dessen Karriereplanung der Wechsel zum FC Bayern langfristig negativ war. Denn auch solche Spieler, denen die Klasse einfach fehlt, wie zuletzt Jan Kirchhoff, haben im Anschluß neue Aufgaben im Berufsfußball gefunden.

Aber vielleicht sind solche Überlegungen für einen Parolenschwinger wie Herrn Wallrodt auch einfach zu viel des guten. Was kann man auf der Bank schon lernen? Eine Menge, muß die Antwort lauten! Nicht nur, daß das Training beim FC Bayern vermutlich anspruchsvoller ist als das Spiel des VfB Stuttgart, sondern die professionelle Arbeit in einem der besten Fußballvereine der Welt kann jeden Fußballspieler weiterbringen.

Da hinkt auch der Vergleich mit Spielern wie Hans-Jörg Butt oder Pepe Reina.

Bislang saßen auf der Bayern-Bank Torhüter, die eine große Karriere hinter sich hatten und trotzdem noch über Klasse verfügten: Hans Jörg Butt und Pepe Reina zum Beispiel. Für sie war es eine großartige Chance, am Ende der Laufbahn für zwei, drei Jahre noch einmal ganz nah am großen Fußball zu sein.

Das war eben eine andere Situation. Pepe Reina übrigens ist nach einem Jahr weitergezogen, weil er in der italienischen Liga eine Perspektive als Stammtorwart gefunden hat. Das kann auch bei Sven Ulreich passieren. Die tägliche Arbeit mit Torwarttrainer Toni Tapalovic und Manuel Neuer kann einen 26jährigen sehr befruchtend sein. Ein oder zwei Jahre auf der Bayernbank machen sich im Lebenslauf jedenfalls besser als Stammtorwart bei einem Fastabsteiger mit sechzig Gegentoren.

Der Transfer ist für den FC Bayern sinnvoll und er ist es auch für Sven Ulreich. Gerade weil es kein Rentenjob für ihn ist, sondern das Sprungbrett zu einer neuen Aufgabe. Ein Torwart aus der Altersklasse über dreißig stand mit Sicherheit auch auf dem Zettel: Roman Weidenfeller, der bei Borussia Dortmund wohl keine Zukunft mehr hat. Nun ist es also Sven Ulreich und vielleicht ärgert sich Herr Wallrodt, daß er die alte Leier mit den kaputtgekauften direkten Konkurrenten nicht mehr auflegen kann.

Verwunderlich ist indes, daß eine Tageszeitung, die selbst den Anspruch hat, intellektuelle Inhalte verbreiten zu wollen, immer wieder Fußballberichterstattung auf diesem Niveau liefert. Luft nach oben ist hier mit Sicherheit vorhanden und wenn man Herrn Wallrodt durch ein oder zwei richtige Journalisten ersetzen würde, gäbe es die Möglichkeit, hier auf einem ähnlich hohen Niveau zu schreiben, wie es die Politik- und Wirtschaftsredaktionen des Blattes bereits tun.