Capo di tutti i capi

Korruption und andere Formen von Wirtschaftskriminalität zu verfolgen ist einzig und allein Sache der Justiz. Daß sich die Amerikaner einigen Vorgängen innerhalb der Fifa annehmen, ist erstmal ein gutes Zeichen. Gelegentlich hört man, daß die Erfahrungen, die man bei der sehr erfolgreichen Bekämpfung der Mafia gemacht hat, heute hilfreich seien. Das macht die Sache aber nicht besser!

Und doch ist es wohl so: Die Strukturen, die die Mafia über Jahrzehnte geschützt haben, vor allem das Prinzip der Omertà (Schweigen gegenüber den Behörden) hat dazu geführt, daß die obersten Rädelsführer nie dingfest gemacht werden konnten. Bis zuletzt. Jetzt hat wurde offensichtlich jemand gefunden, der bereit ist, auszupacken und die Prozesse können beginnen.

Die Mafia ist nicht so, wie sie in klassischen Hollywoodfilmen dargestellt wird. Und auch die Fifa ist nicht die große Verschwörung einiger weniger Krimineller. Es gibt keinen Oberboß der Bosse, keinen Capo di tutti i capi in Form von Joseph Blatter. Der Sachverhalt ist in der Realität deutlich komplexer als häppchenweise für den Zuschauer darstellbar ist. Das gilt gerade auch deshalb, weil gegen Blatter erkennbar weder Haftbefehl noch eine Anklage vorliegen.

Trotzdem war der Rücktritt wichtig, weil bei großen politischen Organisationen nicht nur die strafrechtlich nachweisbaren Taten zählen, sondern auch das, was Personen verkörpern. Hier muß man leider sagen, daß der Weltfußball mit Joseph Blatter an der Spitze niemandem mehr zu verkaufen ist.

Gerade hier muß sich auch die Uefa überlegen, in welche Richtung es denn gehen soll: Natürlich kann es nicht erstrebenswert sein, eine aufgesplitterte Verbändelandschaft zu haben wie im Boxsport. Deswegen kann ein Austritt der Uefa aus der Fifa nur die ultima ratio sein, der allerletzte Weg, wenn alle anderen Schritte versagt haben. Jedoch: Weniger drastische Maßnahmen können oft allein deshalb ihre Wirkung verlieren, weil der allerletzte Schritt von vornherein kategorisch ausgeschlossen wird. Diesen Fehler sollte man nicht machen.

Es ist ganz einfach: Wer sitzt am längeren Hebel: Ein Austritt der Uefa aus der Fifa wäre zwar immer und unter allen Umständen ein Problem, jedoch für die Fifa das größere. Eine Wüstenweltmeisterschaft mit Mannschaften aus Schwarzafrika und Fernost interessiert niemanden. Die Verbände aus Nord- und Mittelamerika, Asien, Afrika sowie Ozeanien haben nicht den Stellenwert Europas. Die Fifa wäre ohne Uefa nicht überlebensfähig, andersrum ginge es notfalls sehr wohl!

Gelegentlich wird darüber diskutiert, ob der Weltfußball eine Liga habe, die mit der NBA im Basketball vergleichbar ist. Die gibt es: Es ist die Uefa Champions League. Der größte Titel im Vereinsfußball, der noch nie verteidigt worden ist und wo sich die größten Mannschaften immer wieder in den Finalspielen treffen. Weltklassespieler aus allen Kontinenten kommen nach Europa um in diesem Wettbewerb zu spielen.

Umso bedenklicher ist es, daß der Einfluß der Uefa in der Fifa ohnehin schon gering ist. Doch das allein ist nicht das Problem. Wenn jetzt bestimmte Verbände, und offensichtlich kommt Blatters Unterstützung aus Afrika und Asien, alles tun, um die jetzt gerade aufgebrochenen Strukturen zu retten, dann muß man gegensteuern. Die Compliance-Regelungen, die bei allen großen Sponsoren üblich sind, müssen auch im Fußball umgesetzt werden. Eine Fifa mit Joseph Blatter als Präsidenten kann die Uefa nicht dulden.